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Vom Wert des Mobiltelephons
Hat noch vor wenigen Jahren eine Verspätung zu ernsthafter Aufregung und langandauernder Ungewissheit geführt, war zu jener Zeit das Verlassen der heimischen vier Wände oder des Büros eine Möglichkeit von der Bildfläche verschwunden zu sein, und hat man seine Telefonnummer noch je nach Aufenthaltsort wechseln müssen, so ermöglicht heute der Besitz eines Handys eine erweiterte Mobilität und Erreichbarkeit in früher nicht vorstellbarem Ausmaß.

"Ich muß jetzt weg - aber wenn was ist, könnt Ihr mich ja auf dem Handy anrufen." Das ist kein Spruch rund-um-die-Uhr-verantwortlicher Konzernlenker. Eine Selbstverständlichkeit ist es heute manchereinem, sich und seine Fähigkeiten zumindest auf telefonischem Weg anzubieten. Es scheint der Effektivitätssteigerung zu dienen, wenn man Fahrtstrecken und Wartezeiten mit dem kleinen Tausendsassa am Ohr überbrücken kann. Und gewiss - Zeit ist Geld, und nicht nur der Konkurrenz will man durch schnellere Entscheidungen voraus sein. Manchmal kann man damit Leben retten oder zumindest Kinderseelen glücklich machen.
Zeit ist Geld - doch welche Zeit ist am meisten Geld? Und ist nicht manche Zeit auch ihr Geld wert? Es gibt die Tricks, die auch dem Dauererrreichbaren seine ungestörte Zeit sichern. Die Zeit, die der Mensch zum Denken und zum Abschalten, zum Selbst-Sein braucht. Die Funklöcher an den ICE-Strecken oder im U-Bahn-Tunnel, das Handyverbot in Flugzeugen. Der leere Akku oder einfach das defekte Gerät - kleine Tragödien für den Süchtigen, zugleich ein Schritt zurück in entspanntere Tage.
Heute kann man zu spät kommen und zugleich pünktlich sein. Aus einer Pünktlichkeitskultur ist man auf dem Weg in die "Verspätungskultur", wie es unlängst eine große deutsche Tageszeitung formulierte. Man hat ja angerufen, und gesagt wie lange es dauert. Oder gleich per Telefon an der Sitzung teilgenommen. Länger ist die Zeit, in der man da ist, kleiner die Gefahr etwas wichtiges zu verpassen. Man ist ja immer umfangreich informiert. Es gibt SMS-Informationsdienste, und während telefonungeeigneter Veranstaltungen bekommt man die Informationen über die aktuellen Entwicklungen im eigenen Zuständigkeitsbereich ebenfalls per Kurzmitteilung.
Wer nicht daheim ist, bei dem probiert man's eben mal auf dem Handy. Da muß er ja in der Nähe sein, sonst bräucht er's ja nicht. Grad im Urlaub? Na, dann braucht er ja nicht hingehen.
Und genau das ist die Herausforderung: Zu entscheiden, ob man jetzt erreichbar sein will oder nicht. Die Bereitschaft, am Handy auch zu sagen: Jetzt nicht. Oder gleich das Gespräch abzulehnen. Die Kurzmitteilung gar nicht erst zu lesen. Der Mensch muß wieder mehr entscheiden - es ist kein Zwang mehr, nicht erreichbar zu sein - es ist die freie Entscheidung, ob man sein Handy heute an oder aus läßt, ob man das Gespräch annimmt oder ablehnt. Was einem früher die räumlichen Gegebenheiten abgenommen haben, liegt in der eigenen Hand. Und genau da gehört es hin.

verfasst von
Simon Schindlmayr am 04 Feb 2004


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