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Dr.Peter Steiner: Vom Sinn der Kunst
Vom Sinn der Kunst
Kunst hat eine kommunikative Funktion; sie ist ein spezifisches Verständigungsmittel, das durch kein anderes Zeichensystem ersetzt werden kann. sie hat eine aufklärerische, bildende und erziehende Funktion, indem sie zur Ausweitung und Bereicherung der Lebenserfahrung der Menschen beiträgt. Und schließlich hat sie eine hedonistische Funktion, indem sie ein Gefühl des Genusses hervorruft. Dies ist in wenigen Worten, die derzeit am weitesten verbreitete Kunstauffassung, wie sie der Marxist Moissey Kagan formuliert. Diese Auffassung bewegt sich in 2000 Jahre alten Gleisen, nämlich in den Bahnen des Quintus Horatius Flaccus, welcher der Kunst die Funktion zuwies: "Entweder nützen oder erfreuen wollen die Dichter. Jeden Preis gewinnt, wer das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er den Leser erfreut und gleichermaßen ermahnt."
Zwischen der Kunstauffassung des augusteischen Klassizismus des ersten Jahrhunderts und des sozialistischen Realismus im 20. Jahrhundert aber haben viele Künstler und Philosophen über Kunst nachgedacht: Leonardo da Vinci, Imanuel Kant, Friedrich Schiller, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Flaubert, Zola, Baudelaire und seit dem 19. Jahrhundert auch die Psychologen, die Erkenntnistheoretiker und andere. über den Zusammenhang von Kunst und Naturwissenschaft hat die grundlegenden Gedanken als erster Leonardo da Vinci um 1500 formuliert. Für ihn ist Malerei eine Wissenschaft, weil sie von Wissenschaft, von der Empirie ausgeht, von der Erfahrung durch die fünf Sinne, deren vorzüglichster das Auge ist. Das Auge ist "Herr über die Astronomie und Mathematik, Richter und Beistand aller Künste und Techniken". Das Auge des Malers aber ist das am besten geschulte. Es dringt zum göttlichen Ursprung der Welt vor, weil es die Hand anleitet zur Schöpfung.
Damit übertrifft Malerei die Naturwissenschaft und Philosophie. Der Philosoph Schelling meinte 300 Jahre später, daß Kunst das einzige "wahre und ewige Organon und zugleich Document der Philosophie sei". D.h. nichts anderes als: Kunst ist die höchste Form menschlicher Erkenntnis, jedes menschliche Erkenntnisstreben, jede Wissenschaft vollendet sich erst in Kunst. Daß Kunst etwas mit Erkenntnis zu tun habe und zwar mit Erkenntnis nicht nur von Farbklängen, Proportionen und Harmonien, sondern Erkenntnis der menschlichen Seele, der materiellen Welt, der Prinzipien von Leben und Existenz, konzedieren viele Naturwissenschaftler heute nur ungern. Für sie ist Kunst nur Verzierung; bei wissenschaftlichen Kongressen, hier in Weihenstephan, Teil des Damenprogramms. Aber der Zusammenhang von Kunst und Erkenntnis ist unleugbar. Zwar läßt er sich nicht mit mathematischer Logik beweisen, weil die Wahrheiten des Künstlers und die des Physikers inkomensurabel sind, aber für die Menschen in der Geschichte waren die Erkenntnisse der Künstler, die Epen und Tragödien Griechenlands, das Weltbild der gotischen Kathedralen, das neue Weltbild des Leonardo da Vinci, die Menschenkenntnis von William Shakespeare und Rembrandt Wegweiser für Jahrhunderte. Und zwar nicht nur wie Hegel meinte, in einem frühen Stadium der Menschheitsentwicklung, sondern, wie wir am Ende des 20. Jahrhunderts wissen, so lange es Menschen gibt. In der Kunst ergreift der Mensch die einzige Chance, den Tod zu besiegen, denn jede Schöpfung tritt ein in den Chor, der von der Würde des Menschen kündenden Stimmen der Stille, in das von Menschen geschaffene Reich der Sinngebilde und ihrer nie unterbrochenen Metamorphosen, wie Andre Malraux formulierte. Shakespeare, Beethoven, Rembrandt können nicht übertroffen werden. Die Wahrheit der Kunst, wie die Wahrheit der Religion und Philosophie, kann nicht wie die Erkenntnisse der Naturwissenschaften akkumuliert werden, zu einer Fortschrittstreppe quasi aufeinander gestapelt werden, sondern sie fangen wie das Leben selbst, immer wieder neu an.








Kunst und Wissenschaft
Für unseren Zusammenhang können Wissenschaft und Kunst, als Grundtätigkeit des menschlichen Geistes in fünf Begriffspaaren einander gegenübergestellt werden.
1. Abstraktion und Anschauung
Wissenschaft schreitet von der Beobachtung der Phänomene zu allgemeinen Folgerungen fort, sie abstrahiert von den Sinneseindrücken. Demgegenüber arbeitet der Künstler anschaulich: Aus seiner geschulten Anschauung heraus, gestaltet er anschauliche Objekte, die geeignet sind, die Anschauung des Betrachters zu differenzieren.

2. Logik und Assoziation
Die Arbeitsschritte des Wissenschaftlers werden nach den Regeln der Logik, des Aristoteles oder heute nach der algebraischen oder sonst formalisierten Logik dargestellt. Der Künstler arbeitet demgegenüber assoziativ, erweckt Vorstellung durch Ähnlichkeit. Das assoziative Denken, das Denken im anschaulichen Vergleich, ist ursprünglicher, elementarer als das Denken nach den Gesetzen der Logik.

3. Ratio und Sinnlichkeit
Das Vorgehen der Forscher wird rational gegründet und rational kontrolliert. Das Werk des Künstlers ist für die sinnliche Wahrnehmung geschaffen, appelliert an und kultiviert unsere sinnliche Natur.

4. Diskursiv-präsentativ
Der Wissenschaftler erklärt die Welt in diskursiver Rede; B folgt auf A, weil... Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Begriff für Begriff dringen wir in sein Werk ein. Die wissenschaftliche Erschließung erfolgt in einem zeitlichen Verlauf. Das Werk des Künstlers dagegen, nehmen wir mit einem Blick wahr. Es steht uns gegenwärtig gegenüber wie die Welt. Dinge ganz verschiedener Wertigkeit werden von uns gleichzeitig wahrgenommen. Hier im Hörsaal z.B. die Geschichte der Zuhörer, die Sitzlehnen, der wechselnde Ausdruck von Interesse und Langeweile, daneben ein auffälliges Kleidungsstück, dazwischen die Gänge und darin ein herausgestrecktes Bein, die Ausgangslichter. Alles ist zugleich für mich da und will wahrgenommen werden. Die Welt tritt uns seit unserer Geburt in brutaler Gegenwärtigkeit gegenüber. Erst spät lernen wir sie zu domestizieren, indem wir sie in diskursiver Rede beschreiben, klassifizieren, ordnen. Aber das unmittelbare Sehen, die Erfahrung der Welt als Gegenwart nicht als Folge, die von Cassirer sog. präsentative Weltaneignung, geht nicht verloren. Sie wird zwar durch unser Bildungssystem unterdrückt, bleibt aber lebensnotwendig und wird vom Künstler kultiviert.

5. Zusammenfassend kann man den Bereich der Wissenschaft mehr dem Verstand zuordnen, den Bereich der Künste mehr dem Gefühl. Aber ohne Verstand entsteht kein Kunstwerk, nur bleibt das Gefühl als Grundkraft darin wirksam, während es von der wissenschaftlichen Analyse unterdrückt wird. Beide, Verstand und Gefühl zusammen machen den Menschen aus. Alle die Bereiche, die wir hier der Kunst zugeordnet haben, Sinnlichkeit, Anschaulichkeit, assoziatives Denken, präsentative Weltaneignung und Gefühl, hat der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Regel frühen Phasen der Entwicklung der Menschheit zugewiesen. Das Weltbild Regels, seine Philosophie vom Zu-sich-selbst-kommenden Weltgeist wurde philosophisch bereits von seinen Zeitgenossen, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche zersetzt, und um 1900 von der Psychologie in Frage gestellt. In diesen Jahren zerbricht auch das politische System, das Karl Marx auf dem Fundament des Fortschrittsglaubens von Regel gegründet hat. Die Einsicht in die Macht des Unbewußten, in die Bedeutung von Symbolen, für die Orientierung des Menschen und in die Gefährlichkeit eines einseitig, technisch, wissenschaftlichen Fortschritts ist seit Regel gewachsen und wächst weiter.
Das bedeutet: Wer den Bereich der Kunst, das Reich von Sinnlichkeit und Gefühl für primitiv erklärt, kann sich auf eine hohe Autorität, nämlich Regel berufen. Aber sein Standpunkt ist revisionsbedürftig, hält heutigen Einsichten in das Wesen von Mensch und Gesellschaft nicht stand.
Aus dem Unbewußten, der Sinnlichkeit und der Verführbarkeit des Menschen durch Symbole können Gefahren für den Einzelnen und für die Gesellschaft aufsteigen. Im Sektenwesen, in der Drogenabhängigkeit, in der Esoterikwelle, im neuen Rechtsradikalismus werden diese Gefahren zur Zeit manifest. Dieses gefährliche Potential der menschlichen Natur zu kultivieren, ist Aufgabe der Kunst. In den bayerischen Universitätsplastiken in Weihenstephan, Regensburg, München, Bamberg und andernorts werden die chthonischen Kräfte nicht pathetisch aufgerufen, nicht mitreißend beschworen oder verführerisch gereizt, sondern mit kühler Überlegung unter rationaler Kontrolle einsetzt.

verfasst von
Fiedler am 22 Jan 2004


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